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Hongkong als Härtetest und historische Chance

  • David Giorgobiani
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Deutschlands Wolfpack jagt den Sprung indie Weltspitze



Für Deutschlands Siebener-Männer beginnt in Hongkong ein Wochenende, das größer ist als ein

gewöhnlicher Turnierstart. Das erste von drei World-Championship-Turnieren markiert für das

Wolfpack den Einstieg in die entscheidende Phase der Saison — und damit in einen Wettbewerb,

der über die sportische Zukunft des Programms mitentscheiden kann. Nach sechs regulären

Stationen wurde das Feld für die World Championship auf zwölf Teams erweitert: acht

Mannschaften aus der höchsten SVNS-Klasse und vier Aufsteiger aus der SVNS 2. In Hongkong,

Valladolid und Bordeaux geht es nun nicht nur um Prestige, sondern auch um das sportlich

vielleicht wichtigste Ziel überhaupt: einen Platz unter den Top Acht und damit den Aufstieg auf das

höchste internationale Niveau in der kommenden Saison.


Dass Deutschland überhaupt in diese Ausgangslage gekommen ist, ist kein Zufallsprodukt, sondern

das Ergebnis einer Entwicklung, die in den vergangenen Monaten sichtbar Fahrt aufgenommen hat.

Der Turniersieg in Nairobi und Platz zwei in Montevideo reichten bereits aus, um die Qualifikation

für die dreiteilige World Championship vorzeitig klarzumachen. Das war ein Statement — gerade

weil Deutschland diesen Platz nicht über Namen, Geschichte oder Status erreicht hat, sondern über

Konstanz, Intensität und eine Mannschaft, die sich in kurzer Zeit deutlich weiterentwickelt hat.

Auch SVNS selbst beschreibt das deutsche Team inzwischen als eine der aufstrebenden

Mannschaften in diesem Wettbewerb.


Im Zentrum dieser Entwicklung steht weiter Pablo Feijoo. Der deutsche Cheftrainer hat früh

klargemacht, dass der Weg dieses Teams nicht über Glanz und Glamour, sondern über harte Arbeit,

Klarheit und defensive Stabilität führen soll. Genau dort liegt bis heute der Kern des Wolfpacks.

Feijoo spricht davon, „something special“ aufzubauen, Tim Lichtenberg beschreibt eine

Mannschaft, die sich über Tempo, Einsatz und Zusammenhalt definiert. Die deutsche Identität im

Siebener ist inzwischen klarer zu erkennen als noch vor einem Jahr: aggressiv in der Verteidigung,

unangenehm im Kontakt, geschlossen im Auftritt.


Hinzu kommt eine Vorbereitung, die offenbar bewusst auf diese außergewöhnliche Aufgabe

zugeschnitten wurde. Aus dem Umfeld der Mannschaft ist zu hören, dass im Vorfeld zahlreiche

Spielsituationen simuliert wurden, um auf das Niveau dieser Gegner möglichst präzise vorbereitet

zu sein. Dass das Team bereits seit rund einer Woche in Hongkong ist, passt ins Bild. Wer in dieser

Turnierphase bestehen will, muss sich nicht nur auf Gegner einstellen, sondern auch auf Klima,Luftfeuchtigkeit, Belastungssteuerung und den speziellen Rhythmus eines Hongkong-

Wochenendes.


Der Rahmen dafür könnte kaum größer sein. Hongkong ist 2026 nicht irgendeine Station, sondern

die 50. Ausgabe eines der bedeutendsten Siebener-Turniere überhaupt. Gespielt wird erstmals im

neuen Kai Tak Stadium, nachdem das Turnier seine frühere Heimat im legendären Hong Kong

Stadium verlassen hat. Für viele Nationen ist dieser Ort im Sevens-Kalender ohnehin aufgeladen.

Für Deutschland kommt jetzt hinzu, dass hier eine echte Schwelle überschritten werden könnte:

vom ambitionierten Außenseiter zu einer Mannschaft, die sich dauerhaft im internationalen

Spitzenfeld festsetzt.


Die Aufgabe ist allerdings gewaltig. Deutschland ist in Pool B mit Fidschi, Frankreich und

Großbritannien gelandet — also mit drei Gegnern, die man in dieser Konstellation nicht jede Woche

vor sich hat. Fidschi bleibt im Siebener eine Referenzgröße, Frankreich kommt als Olympiasieger

von Paris mit enormer individueller Qualität, und Großbritannien mag in dieser Saison nicht immer

konstant gewesen sein, ist aber weiterhin ein Programm mit Tiefe, Tempo und Erfahrung. Gerade

dieser Pool macht die deutsche Ausgangslage so spannend: Er ist schwer genug, um jeden Fehler

sofort zu bestrafen, und gleichzeitig offen genug, um einer stabilen, mutigen Mannschaft eine echte

Chance zu geben.


Besonders bitter ist deshalb, dass Deutschland in Hongkong nicht in Bestbesetzung antritt. Kapitän

Tim Lichtenberg fehlt verletzt, ebenso Jakob Dipper und Daniel Eneke. Gerade Lichtenberg steht

seit Jahren für Ruhe, Erfahrung und die innere Ordnung dieses Teams. Dipper wiederum ist einer

der gefährlichsten Abschlussspieler im deutschen Kader. Solche Ausfälle fängt man nicht einfach

auf, schon gar nicht auf diesem Niveau. Umso wichtiger wird sein, dass andere jetzt Verantwortung

übernehmen. Die Rückkehr von Philip Gleitze kann in diesem Zusammenhang ein Faktor werden.

Der Kader bleibt trotz der Ausfälle interessant besetzt unter anderem mit Chris Umeh, Cedric

Eichholz, Bennet Veil, Anton Gleitze und Felix Hufnagel.


Genau darin liegt aber auch die eigentliche Bewährungsprobe dieses Wochenendes. Deutschland hat

in der SVNS 2 gezeigt, dass es ein Turnier prägen kann. Hongkong wird nun zeigen, ob diese

Mannschaft auch dann stabil bleibt, wenn das Niveau steigt, der Druck größer wird und bekannte

Führungsspieler fehlen. Das ist die Schwelle, an der sich viele Programme entscheiden: Bleibt man

eine gute Geschichte oder wird man zu einer Mannschaft, mit der dauerhaft gerechnet werden

muss?Für das Wolfpack spricht, dass dieses Team in den vergangenen Monaten mehrfach bewiesen hat,

dass es nicht von Einzelnen allein lebt. Die deutsche Entwicklung war nie auf einen Spieler

zugeschnitten, sondern auf ein System, auf Fitness, auf defensive Disziplin und auf das Vertrauen,

dass in dieser Mannschaft mehr Qualität steckt, als ihr von außen lange zugetraut wurde. Gerade

deshalb ist Hongkong nicht nur eine Chance auf Punkte, sondern auch auf eine

Standortbestimmung. Wenn Deutschland hier gegen Gegner wie Fidschi, Frankreich oder

Großbritannien nicht nur mithält, sondern Phasen diktiert, kippt die Wahrnehmung endgültig. Dann

spricht man nicht mehr über einen unbequemen Underdog. Dann spricht man über ein Team, das

seinen Platz in dieser Gesellschaft ernsthaft beansprucht.


Aus deutscher Sicht beginnt das Turnier früh: Das Wolfpack startet am Freitagmorgen um 7:11 Uhr deutscher Zeit gegen Fidschi, trifft am selben Tag um 9:58 Uhr auf Frankreich und beschließt die Gruppenphase am Samstag um 5:50 Uhr gegen Großbritannien. Zu sehen ist das Turnier nach den offiziellen SVNS- und World-Rugby-Angaben in Deutschland kostenlos über RugbyPass TV, außerdem auch über die RugbyPass-App.

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