Drei Thesen zur diesjährigen Rugby Europe Championship (REC) – aus deutscher Perspektive
- Rugby-News Team
- vor 11 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Die aktuelle Entwicklung im europäischen Rugby zeigt deutlich: Deutschland steht an einem Wendepunkt. Zwischen ambitionierten Zielen und strukturellen Realitäten entsteht ein Spannungsfeld, das sich in der diesjährigen Rugby Europe Championship (REC) offenbarte. Aus deutscher Sicht lassen sich daraus drei zentrale Thesen ableiten.
These 1: Die REC ist für Deutschland aktuell eine Nummer zu groß – die Trophy entspricht der sportlichen Realität
Nach dem 7:76 gegen die Niederlande am Sonntag, der den letzten Platz im REC 2025/26 bedeutete, ist klar: Deutschland gehört zum jetzigen Stand in die Rugby Europe Trophy. Die REC ist sportlich wie strukturell derzeit für die Schwarzen Adler zu hoch angesiedelt – eine Einschätzung, die sich mit Blick auf die wahrscheinliche Verkleinerung der Liga auf sechs Teams weiter verfestigt (auch wenn dies noch nicht final bestätigt ist).
Perspektivisch wird sich Deutschland in der Trophy mit Teams wie den Niederlanden, Tschechien, Polen, Schweden und einem wahrscheinlichen Aufsteiger wie Österreich messen und damit mit Gegnern, die zum jetzigen Leistungsstand passen als die WM-Teilnehmer im REC. Dass der Wiederaufstieg keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt insbesondere die bemerkenswerte Entwicklung von Tschechien: Der Verband stellt ein Team im Rugby Europe Super Cup, leistet starke Nachwuchsarbeit mit jeweils vierten Plätzen der U18 und U20 bei der Heim-EM im Herbst und spielt in der Trophy eine bislang makellose Saison mit vier Siegen aus vier Spielen.
Sollte die REC wirklich reformiert werden und es dieses Jahr keinen Aufsteiger, aber dafür zwei Absteiger geben, konkurrieren in der kommenden REC-Saison Verbände gegeneinander, die allesamt wettbewerbsfähigere 15er-Rugby-Programme haben als Rugby Deutschland. Sie profitieren von längeren gemeinsamen Vorbereitungszeiten in professionelleren Setups, integrieren Spieler aus Topligen – etwa Frankreichs Top 14 oder Pro D2 – und greifen regelmäßig auf internationale Leistungsträger zurück. Beispiele sind Spieler wie David Niniashvili (La Rochelle) oder Beka Gorgadze (Pau) für Georgien sowie Portugals Schlüsselspieler wie Nicolas Martins (Colomiers) oder Rodrigo Marta, der nach Pau wechselt. Hinzu kommt die strukturelle Einbindung von Franchise-Teams in den Rugby Europe Super Cup, in dem die Teams Castilla y León Iberians (Spanien), Lusitanos XV (Portugal) Brussels Devils (Belgien), Delta (Niederlande), Bohemia Rugby Warriors (Tschechien) und die Romanian Wolves spielen. Auch Modelle wie das Schweizer Engagement in der starken vierten französischen Liga (Servette Rugby Club Genf) zeigen alternative Entwicklungswege auf, um das Leistungsniveau der Nationalmannschaft zu steigern.
Diese Unterschiede führen zu einem klaren Zwischenfazit: Die strukturelle Kluft zur REC ist derzeit zu groß, um dauerhaft konkurrenzfähig zu sein. Einzelne Überraschungen – wie der Sieg gegen Rumänien – bleiben Ausnahmen. Dass Rumänien seinerseits Belgien souverän schlug und gegen Georgien (53:30) sowie Spanien (23:29) konkurrenzfähig blieb, unterstreicht die Leistungsdichte auf diesem Niveau und dass das „Wunder von Heidelberg“ keine übertriebene Betitelung für den Sieg am ersten Spieltag gewesen ist. Kein Team kann Woche für Woche überperformen.
These 2: Es gibt keinen Grund für Pessimismus – das Potential für Wachstum ist vorhanden
Trotz der sportlichen Einordnung besteht kein Anlass zur Resignation. Im Gegenteil: Die Rahmenbedingungen für eine positive Entwicklung sind durchaus gegeben. Ein wesentlicher Fortschritt ist die zunehmende TV-Präsenz von Länderspielen. Diese Sichtbarkeit muss nun genutzt werden, um ein Team zu formen, mit dem sich sowohl die bestehende Rugby-Community als auch neue Zuschauer identifizieren können. Andere Sportarten wie Handball oder Basketball zeigen, wie entscheidend emotionale Bindung und Wiedererkennbarkeit sind. Für ein attraktives TV-Erlebnis spielt zudem der Unterhaltungswert eine zentrale Rolle. Enge Spiele und mutiges, offensiv geprägtes Rugby sind entscheidend. Erste Ansätze waren bereits sichtbar – nicht zuletzt durch die Arbeit von Angriffstrainer Samy Füchsel, dessen Einfluss sich teilweise schon positiv bemerkbar machte. Auch im Eventbereich liegt großes Potenzial: Heimspiele mit einem Kern aus Bundesliga-Spielern, ausgetragen in größeren Städten und Stadien in traditionellen Rugby-Hochburgen wie Frankfurt, Hannover, Hamburg oder Berlin, könnten zu echten Leuchtturmveranstaltungen werden. Solche Events sind nicht nur für Fans attraktiv, sondern auch für Sponsoren. Bessere Rahmenbedingungen – etwa Trophy-Spiele im Oktober oder April – sowie eine clevere Terminierung außerhalb des Schattens der Six Nations könnten die Aufmerksamkeit zusätzlich steigern. Die generell hohe Rugby-Begeisterung und gute Einschaltquoten liefern dafür eine solide Grundlage.
These 3: Der Wiederaufstieg ist realistisch – aber nur mit strukturellem Wandel
Der Wiederaufstieg in die REC (und langfristig die WM-Teilnahme, die von Belgien dieses Jahr nur denkbar knapp verpasst wurde) muss das klare Ziel bleiben, ist jedoch nur unter verbesserten strukturellen Bedingungen erreichbar. Entscheidend sind vor allem längere Vorbereitungszeiten sowie eine stärkere institutionelle Basis. Ein zentraler Baustein wäre zum Beispiel ein deutsches Team im Rugby Europe Super Cup. Eine eingespielte Gruppe aus inländischen Spielern, ergänzt durch im Ausland aktive Akteure, könnte regelmäßig gemeinsam trainieren und spielen. Dafür ist die finanzielle Konsolidierung des Verbandes notwendig. Die sukzessive Erweiterung der finanziellen Mittel, etwa für Aufwandsentschädigungen für Spieler oder die Annahme von Angeboten von World Rugby, für Spiele im Sommer oder Herbst gegen aufstrebende Nationen wie Brasilien oder Hongkong, kann allerdings nur von einer hauptberuflichen Verbandsführung geleistet werden. Wie sich Rugby Deutschland hier neu aufstellen wird und welches Trainerteam die Schwarzen Adler neu aufbauen wird, steht noch in den Sternen. Fest steht: Das zukünftige Trainerteam sollte die Trophy gezielt zur Talententwicklung nutzen. Besonders gegen Teams wie Schweden oder Österreich bietet sich die Integration junger Spieler aus den U18- und U20-Nationalmannschaften an. Die jüngsten Erfolge – etwa der fünfte Platz der U18 bei der EM mit Siegen gegen Belgien und Portugal – zeigen das vorhandene Potenzial. Spieler wie Karl Kasper (Stade Français Paris), Christopher Hennig (Grenoble), Colin Wiedemann (Stade Français Paris), Mattes Bachmann (SCN), Quentin Moughty (MRFC) oder Max Zahner (HRK) stehen exemplarisch für eine neue Generation, die es verdient, gefördert zu werden.
Ein Blick nach Portugal zeigt, wie ein solcher Weg aussehen kann: Nach dem Abstieg in die Trophy vor rund zehn Jahren gelang 2018 der Wiederaufstieg in die REC. Es folgten eine herausragende WM-Teilnahme 2023 sowie der Sieg am Sonntag im REC-Finale gegen Georgien – eine Mannschaft, die zuvor seit 2017 ungeschlagen war und acht Titel in Folge gewonnen hatte. Portugal erfüllte dabei genau jene strukturellen Voraussetzungen, die auch für Deutschland entscheidend sein werden.
Fazit
Deutschland steht im europäischen Rugby nicht am Ende, sondern am Anfang eines notwendigen Transformationsprozesses. Die sportliche Realität mag derzeit die Trophy sein – doch mit den richtigen strukturellen Anpassungen, kluger Nachwuchsarbeit und einer stärkeren Vermarktung ist der Weg zurück in die REC nicht nur möglich, sondern realistisch.



Kommentare