Dritte Halbzeit - Klub schleppend, Berlin mit Trostpreis
- Rugby-News Team
- 14. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Es passte zu diesem Nachmittag am Harbigweg, dass am Ende beide Trainer nur halb zufrieden vom Platz gingen. Der Heidelberger RK gewann das Kellerduell gegen den Berliner RC mit 22:18 und sicherte sich die volle Ausbeute von fünf Tabellenpunkten – sprach aber von einer seiner schwächsten Saisonleistungen. Berlin wiederum verlor einmal mehr knapp, nahm jedoch einen wichtigen Defensivbonus mit nach Hause und konnte dem Tabellenbild zumindest ein Ausrufezeichen in Sachen Moral hinzufügen.

Heidelberger Start ohne Ertrag, Berliner Effizienz
Die erste halbe Stunde gehört, so schildert es Steffen Liebig, klar den Hausherren – zumindest dem Gefühl nach. „Es ist genau das passiert, was wir vermeiden wollten: Wir dominieren den Start, punkten aber nicht“, sagte der HRK-Trainer. Drei Mal trugen die Klub-Stürmer den Ball bis ins Malfeld, drei Mal wurde der Versuch dort hochgehalten. Viel Aufwand, null Punkte.
Berlin machte es nüchterner. „Der BRC war im Gegenzug einmal bei uns und hat direkt gescored“, resümierte Liebig trocken. Es war sinnbildlich für eine Hinrunde, in der der Klub sich oft über den Kampf in Position brachte, dann aber an kleinen Unsauberkeiten scheiterte – und für Berliner, die in der ersten Halbzeit genau das machten, was in den Wochen zuvor so oft gefehlt hatte: aus einer guten Phase Zählbares mitnehmen.
BRC-Coach Ares van Look sprach später von dem „offenen Schlagabtausch“, den man erwartet hatte – und davon, dass seine Mannschaft ihn lange kontrollierte. „Wir haben den Klub gut unter Druck gesetzt, über viele Phasen die richtige Balance gefunden zwischen unserem sehr physischen Spiel mit den Stürmern und einfach mal zu zocken mit den Backs“, sagte er. Es seien „ein paar schöne Kombinationen“ gelungen, Berlin sei „sehr gut durch die erste Halbzeit gekommen“.
Zweite Halbzeit: Fehler, die hart bestraft werden
Nach der Pause wollte der BRC genau das fortsetzen. „In der zweiten Halbzeit ging es darum, den Fuß nicht vom Gas zu nehmen und ruhig unseren Stiefel runterzuspielen“, so van Look. Man habe unbedingt im System bleiben und „ruhig bleiben“ wollen – auch mit dem Wissen im Hinterkopf, dass der HRK in den vergangenen Wochen gerade in der Schlussphase immer wieder zugelegt hatte.
Genau in dieser Phase kippte das Spiel. „Da hat der Klub ein, zwei unserer Fehler sehr, sehr gut bestraft, mit ein paar starken individuellen Aktionen“, sagte BRC-Coach Ares van Look. In einem Spiel, das kein Leckerbissen war, reichte dem HRK eine Handvoll sauber ausgespielter Szenen, um das Ergebnis zu drehen.
Erschwerend kam für Berlin hinzu, dass der ohnehin schmal besetzte Kader früh umgebaut werden musste. „Wir sind mit 20 Leuten angereist, mehrere Leistungsträger haben gefehlt“, sagte van Look. Durch ein, zwei Verletzungen habe man „früher als geplant wechseln“ müssen. „Das war ungeplant – wir haben es dann nicht geschafft, zu hundert Prozent weiter unseren Gameplan umzusetzen.“
Improvisation in der Gasse und ein Kapitän als Aushilfshooker
Auch der HRK musste improvisieren – und das ausgerechnet in einem Bereich, in dem normalerweise keine Experimente vorgesehen sind. „Bemerkenswert ist, dass wir ab Minute 40 keinen Gasseeinwerfer mehr hatten“, berichtete Liebig. Der etatmäßige Hooker war ausgefallen, Kapitän Haakon Oess übernahm kurzfristig die Einwürfe. „Er hat das super gemacht“, lobte der Trainer. Dass die Gasse unter diesen Umständen weitgehend stabil blieb, war einer der wenigen Aspekte, mit denen Liebig rundum einverstanden war.
Trotz aller Selbstkritik wollte er das Wesentliche nicht kleinreden: „Unterm Strich haben wir fünf Punkte geholt – und das zählt.“ Im dicht gestaffelten Tabellenkeller verschafft sich der Klub damit etwas Luft. Gleichzeitig blickt Liebig bereits über die Winterpause hinaus: „Insgesamt war in der Hinrunde für uns mehr drin. In den beiden Nachholspielen wollen wir zwei Siege holen, um zumindest mit dem direkten Abstieg nichts mehr zu tun zu haben.“
Berlin wieder knapp – und dennoch mit erhobenem Kopf
Auf der anderen Seite überwog beim BRC eine eigenartige Mischung aus Enttäuschung und Stolz. „Der Klub hat unsere Fehler sehr gut bestraft“, sagte van Look, sprach aber zugleich von einer Leistung, „auf die wir sehr, sehr stolz sein können“. Die Mannschaft habe „Herz gezeigt“ und sich „immer wieder zurückgekämpft“. Der Kopf sei „zu keinem Moment hängen gelassen“ worden, auch als der HRK in der Schlussphase versuchte, das Spiel endgültig zuzumachen.
Besonders hob der Trainer die Arbeit im Sturm hervor. Gegen „eine der erfahrensten ersten Reihen der Bundesliga“, wie er den Klub-Paket beschrieb, habe seine erste Rtreihe „einen sehr guten Job gemacht“. Auch abseits der Standards überzeugten viele Spieler in ungewohnten Rollen: Die Mannheim-Brüder, Paul Steinau auf der Verbindung, Gabriel Hellstern, Felix Burisch und Jim Becker auf den Innenpositionen – van Look nannte eine ganze Reihe Namen, die „eine sehr, sehr gute Arbeit gemacht“ hätten und die Ausfälle wichtiger Leistungsträger auffingen.
Stellvertretend für den Nachmittag stand aus seiner Sicht der eigene Hakler Tyson, den er als „man of the match“ bezeichnete, sowie eine Gruppe junger U20-Spieler, die sich „super in die Mannschaft einfügen“. Dass Berlin am Ende „nur“ mit einem Bonuspunkt dasteht, ist für van Look dennoch mehr als eine Fußnote: „Der Bonuspunkt kann im weiteren Saisonverlauf noch sehr wichtig werden.“ Er sei auch Ausdruck einer Entwicklung: „Die knappen Ergebnisse, gerade jetzt gegen den Klub, der letzte Woche fast Neuenheim geschlagen hätte, zeigen einfach, wozu wir imstande sind, wenn wir ruhig, fokussiert und mit genug Kaltschnäuzigkeit agieren.“
Blick in die Winterpause
Tabellarisch bleibt der Berliner RC zwar Schlusslicht, doch die Formkurve zeigt nach oben – und, vielleicht wichtiger noch, die Stimmung im Team. „Der Team-Spirit ist da, die Mannschaft ist eng beieinander, man steht füreinander ein“, sagt van Look. Angesichts einer langen Niederlagenserie sei das „alles andere als selbstverständlich“. Seit drei Wochen arbeitet der BRC zudem mit dem neuen Coach Danny Stevens zusammen. „Das bringt gute Energie in die Mannschaft und neue Impulse“, so van Look. Die Zusammenarbeit funktioniere „ab Minute eins“.
Für Berlin beginnt nun eine Winterpause, die kein Winterschlaf werden soll. „Wir werden über den Winter hart arbeiten“, kündigt van Look an. Ziel sei es, „die sehr guten spielerischen Akzente, die wir Woche für Woche in Teilen der Spiele setzen, in weitere zählbare Ergebnisse umzuwandeln und unsere Situation in der Tabelle zu verbessern“.
Der Heidelberger RK dagegen kann erst einmal tief durchatmen. Die Leistung gegen den BRC wird kaum in Highlight-Filmen auftauchen, aber sie bringt die maximale Punktausbeute. In der ersten Bundesliga dieses Jahr ist das manchmal die wichtigste Kategorie: schön war es nicht – aber es hat gereicht.




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