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Alles oder nichts in Yverdon

  • Rugby-News Team
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Fotografiert von Jürgen Kessler Sportfotografie
Fotografiert von Jürgen Kessler Sportfotografie

Deutschland vor entscheidendem Spiel gegen die Schweiz

Für die deutsche Rugby-Nationalmannschaft gibt es an diesem Samstag keine zweite Chance: In

Yverdon-les-Bains entscheidet sich in 80 Minuten, ob Deutschland in der Rugby Europe

Championship bleibt oder den Gang in die Trophy-Division antreten muss. Kick-off ist um 13 Uhr,

die Partie wird live auf ProSieben MAXX übertragen. Es ist das Spiel der Saison – sportlich wie

mental ein Endspiel.

Nach einer schwierigen Gruppenphase steht Deutschland nun im entscheidenden Duell der

Platzierungsrunde. Der Sieger hält die Klasse, der Verlierer steigt ab. Die Ausgangslage ist damit

so klar wie gnadenlos – und der Druck auf beide Mannschaften entsprechend hoch.


„Wir können es selbst entscheiden“

Trotz der Brisanz wirkt das deutsche Team fokussiert. Zweite-Reihe-Stürmer Eric Marks, der beim

französischen Pro-D2-Club RC Vannes unter Vertrag steht, erwartet ein intensives, aber

kontrolliertes Spiel. „Wir erwarten natürlich ein hart umkämpftes Spiel. Beide Mannschaften

wissen genau, worum es geht“, sagt Marks im Gespräch mit Rugby News.

Gleichzeitig sieht der Nationalspieler auch eine positive Seite an der Situation. „Wir sind glücklich

darüber, dass wir es selbst entscheiden können und nicht auf andere Spiele warten müssen. Jetzt

haben wir den direkten Vergleich auf dem Feld – und das ist wichtig.“ Gerade in einer Saison mit

vielen engen Spielen sei diese Klarheit hilfreich.

Ein zusätzlicher Faktor: Viele deutsche Spieler kennen die Championship seit Jahren, haben

bereits mehrere nervenaufreibende Abstiegskämpfe und enge Partien erlebt. Diese Erfahrung

kann in einem Spiel, in dem jede Entscheidung unter maximalem Druck getroffen werden muss,

den Unterschied machen.


Kurze Vorbereitung, klarer Plan

Wie bei Nationalmannschaften üblich blieb auch diesmal nur wenig Zeit zur Vorbereitung. Die

Spieler reisten aus verschiedenen europäischen Ligen an, viele erst wenige Tage vor dem Spiel.

„Die Zeit ist natürlich immer kurz“, erklärt Marks. „Aber wir haben versucht, sie so gut wie möglich

zu nutzen.“

Der Fokus lag dabei weniger auf harter körperlicher Belastung als auf Struktur und taktischer

Klarheit. „Wir haben viel daran gearbeitet, Klarheit in unsere Spielstruktur zu bringen – also genau

zu wissen, was wir spielen wollen und welche taktischen Vorgaben wir für dieses Spiel haben.“

Nach der Anreise folgte zunächst eine intensive Trainingseinheit, bevor das Team den Freitag

bewusst ruhiger gestaltete.

„Gestern war ein großer Tag mit Reise und Training. Heute haben wir es etwas entspannter

gehalten, nur mit einem Team-Run am Nachmittag. Jetzt geht es vor allem darum, Energie zu

sparen und uns mental vorzubereiten.“ Der frühe Kick-off um 13 Uhr verändert zudem den

gewohnten Ablauf. „Das Spiel kommt morgen schnell. Wir müssen früh den Schalter umlegen.“


Entscheidung im Kopf

Für Marks steht fest: In einem solchen Spiel entscheidet längst nicht nur die Taktik. „Am Ende ist

es ein mentales Spiel. Wer will es mehr? Wer behält in dieser Situation einen kühlen Kopf? Darauf

wird es hinauslaufen.“ Gerade in engen Phasen, etwa kurz vor der Pause oder in der

Schlussviertelstunde, kann ein Moment der Konzentration oder ein kurzer Aussetzer

spielentscheidend sein.

Ein Vorteil könnte die Erfahrung im deutschen Team sein. Viele Akteure haben mehrere Saisons in

der Rugby Europe Championship absolviert und wissen, wie sich Drucksituationen auf diesem

Niveau anfühlen. Und körperlich, betont Marks, habe die Mannschaft bereits mehrfach bewiesen,

dass sie über 80 Minuten mithalten kann. „Die Jungs können 80 Minuten lang hart arbeiten. Das

haben wir mehrfach gezeigt.“


Schweiz mit Rückenwind

Ein Selbstläufer wird die Partie allerdings nicht. Die Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren

deutlich entwickelt und tritt inzwischen mit spürbar wachsendem Selbstbewusstsein an. Als

Aufsteiger gelang den Eidgenossen bereits im Vorjahr ein Achtungserfolg gegen Deutschland: ein

20:17-Sieg – der erste Erfolg der Schweiz überhaupt in der Rugby Europe Championship,

besiegelt durch ein spätes Drop Goal in Heidelberg.

Auch in dieser Saison zeigt die Schweizer Auswahl, das „Edelweiss XV“, weitere Fortschritte. In

der Gruppenphase gelang ein wichtiger Sieg gegen die Niederlande, der der Mannschaft die

Chance auf dieses Endspiel um den Klassenerhalt eröffnete. Gegen etablierte Teams wie Spanien

oder Georgien fielen die Ergebnisse zuletzt enger aus als noch in den Vorjahren, was auf eine

gestiegene defensive Stabilität und mehr Tiefe im Kader hindeutet.

Mehrere Schweizer Spieler stehen mittlerweile in französischen Ligen unter Vertrag und bringen

Profi-Erfahrung ins Nationalteam ein. Diese Professionalität spiegelt sich im physischen Niveau, in

der Arbeit an den Standardsituationen und in der Ruhe unter Druck wider. Mit Kapitän Jules

Porcher verfügt die Schweiz zudem über einen sicheren Kicker und Spielmacher auf der Zehn, der

Partien mit seinem Fuß kontrollieren und vom Tee aus konsequent in Punkte ummünzen kann.


Besonders im Fokus stehen auf Schweizer Seite einige zentrale Figuren:

Jules Porcher (10) – Der Kapitän ist der klare Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Eidgenossen. Als Verbinder kontrolliert Porcher Tempo, Feldposition und Struktur im Angriff. Gleichzeitig ist er der wichtigste Punktesammler vom Tee.

Deutsche Fans erinnern sich noch gut an ihn: Beim 20:17-Sieg der Schweiz in Heidelberg im vergangenen Jahr entschied er die Partie mit einem Drop Goal in der Schlussminute. Wenn Deutschland ihn früh unter Druck setzt, nimmt das der Schweiz viel von ihrem Rhythmus.

Blessing Motaung (9) – Der Gedrängehalb ist der Motor im Schweizer Angriff. Motaung bringt Tempo an den Ruck, beschleunigt das Spiel und sorgt dafür, dass Porcher und die Hintermannschaft schnell Ball bekommen. Gerade in schnellen Umschaltmomenten ist er gefährlich und kann defensive Lücken sofort bestrafen.

Jessy Jegerlehner (6) – Einer der wichtigsten Arbeiter im Schweizer Sturm. Der Flanker ist extrem aktiv im Breakdown, tackelt viel und räumt Rucks aggressiv auf. Seine Arbeit entscheidet oft darüber, ob die Schweiz Ballbesitz sichern oder gegnerische Angriffe stoppen kann.

Lucas Schmid (15) – Der Schlussmann ist die größte Kontergefahr der Schweizer Hintermannschaft. Sicher unter hohen Bällen und mit viel Tempo ausgestattet, kann Schmid aus tiefen Positionen schnell Gegenangriffe starten. Besonders wenn Deutschland viel über das Kickspiel arbeitet, wird seine Rolle im Hinterfeld entscheidend sein.


Die Entwicklung in der Schweiz

Der Aufwärtstrend der Schweizer Nationalmannschaft kommt nicht aus dem Nichts. In den

vergangenen Jahren hat sich die Struktur des Rugbysports im Land spürbar professionalisiert.

Zwar bleibt Rugby im Vergleich zu Fußball oder Eishockey eine Randsportart, doch Vereine,

Verband und Spieler arbeiten zunehmend enger mit internationalen Ligen zusammen.

Viele Schweizer Nationalspieler sammeln inzwischen Erfahrung im französischen Ligasystem,

insbesondere in der Fédérale 1&2 oder in Nachwuchsstrukturen von Pro-D2-Klubs. Diese Nähe zu

einer der stärksten Rugby-Nationen Europas hat das Niveau des Schweizer Rugbys deutlich

angehoben ,sowohl physisch als auch taktisch.

Ein Symbol für diese Entwicklung ist der traditionsreiche Servette Rugby Club Genève. Der Klub

aus Genf gehört zu den bekanntesten Rugbyvereinen des Landes und spielt seit einigen Jahren

eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Sports in der Westschweiz. Servette hat sich nicht nur

sportlich stabilisiert, sondern investiert verstärkt in Nachwuchsarbeit und internationale

Kooperationen. Mehrere Nationalspieler sind aus diesem Umfeld hervorgegangen oder haben dort

zumindest Teile ihrer Ausbildung absolviert.

Auch andere Vereine wie RC Nyon, Lausanne Université Club oder Stade Lausanne tragen zur

wachsenden Basis bei. Gerade im französischsprachigen Teil der Schweiz profitiert Rugby stark

von der geografischen Nähe zu Frankreich, wo der Sport eine deutlich größere Bedeutung besitzt.

Freundschaftsspiele, Spielerwechsel und gemeinsame Trainingsprogramme sorgen dafür, dass

junge Schweizer Talente früh mit höherem Niveau in Kontakt kommen.

Diese Entwicklung spiegelt sich inzwischen auch in den Ergebnissen der Nationalmannschaft

wider. Während die Schweiz früher in der Rugby Europe Championship oft klar unterlegen war,

gelingt es dem Team heute regelmäßig, gegen etablierte Nationen mitzuhalten. Die Spiele sind

enger geworden, die Defensive stabiler und das Angriffsspiel strukturierter.

Der Sieg gegen die Niederlande in dieser Saison und der Erfolg gegen Deutschland im

vergangenen Jahr gelten daher nicht mehr als reine Überraschungen, sondern als Zeichen eines

Teams, das sich Schritt für Schritt auf diesem Niveau etabliert.

Genau deshalb erwartet auch die deutsche Mannschaft in Yverdon ein deutlich stärkeres

Schweizer Team als noch vor wenigen Jahren – eines, das mit Selbstvertrauen, Heimvorteil und

wachsender internationaler Erfahrung in dieses entscheidende Spiel geht.


Änderungen im deutschen Aufgebot

Im deutschen Kader hat es vor der Partie einige Veränderungen gegeben. Andrew Reintges und

Shawn Ingle fehlen nach erlittenen Kopfverletzungen, was insbesondere in der Physis und im

Breakdown-Verhalten ein Loch reißt. Umso wichtiger ist die Rückkehr von Eric Marks, der in der

zweiten Reihe nicht nur körperliche Präsenz, sondern auch Erfahrung aus dem französischen

Profibereich einbringt.

Zudem meldet sich Hakler Mika Tyumenev aus dem Nationalmannschaftsruhestand zurück und

gibt der ersten Reihe zusätzliche Erfahrung in Gasse und Gedränge. Auch Spielmacher Bader

Pretorius steht wieder zur Verfügung; sein Kickspiel aus der Hand und vom Tee könnte in einem

engen Spiel eine zentrale Rolle spielen, gerade wenn es um Feldposition und das Verwerten von

Straftritten geht.

Der erweiterte Kader liest sich wie eine Mischung aus etablierten Kräften und neuen Gesichtern:

In der ersten Reihe stehen unter anderem Dustin Mizera, Darren Ferrar und Cosmos Zymvragos

im Aufgebot, im Backrow-Bereich bringen Spieler wie Oliver Stein und Iestyn Rees internationale

Erfahrung ein. Im Hinterfeld sollen unter anderem Leo Wolf als Verbindung zwischen Sturm und

Hintermannschaft, Felix Lammers auf dem Flügel und Christopher Hennig als Schlussmann für

offensive Akzente sorgen.


Besonders im Fokus stehen dabei einige Schlüsselrollen auf deutscher Seite:

Im Sturmzentrum sollen Eric Marks und Luis Ball in Gasse und Maul für Stabilität sorgen

und mit ihrer Physis im Kontakt wichtige Meter machen.

Bei den Standards trägt Mika Tyumenev als Hakleroption Verantwortung für präzise Einwürfe

und eine stabile erste Reihe im Gedränge.

In der Spielsteuerung werden vor allem Leo Wolf und Bader Pretorius gefragt sein, mit

taktischen Kicks, klarer Kommunikation und ruhiger Hand das Spiel zu lenken.

Im Hinterfeld ist Christopher Hennig als Schlussmann gefordert, unter hohen Bällen sicher

zu stehen und Konterläufe zu initiieren, während die Flügel mit Tempo und Tiefe für Gefahr

an den Außenlinien sorgen.


80 Minuten für die Saison

Alles deutet darauf hin, dass sich beide Teams auf ein enges, physisches Spiel einstellen müssen.

Viel wird davon abhängen, wer seine Chancen konsequenter nutzt. Ob aus dem offenen Spiel

heraus oder über Straftritte und Maulversuche aus der Gasse. Ebenso entscheidend wird sein,

wer den Druck der Situation besser aushält: Die Schweiz möchte vor heimischem Publikum ihren

Aufwärtstrend bestätigen, Deutschland kämpft um den Klassenerhalt und darum, den erneuten

Gang in die Trophy zu vermeiden.

Für Marks und seine Mitspieler ist die Aufgabe dabei klar umrissen. „Wir wissen genau, welche

Qualitäten wir haben. Jetzt geht es darum, morgen alles auf den Platz zu bringen.“ In Yverdon-les-

Bains geht es für Deutschland um alles – und genau deshalb zählt am Samstag nur eines: der

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