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Dessau ruft: Nach dem Rumänien-Coup wartet Portugal

  • David Giorgobiani
  • vor 9 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Und Deutschland will nachlegen


Der Sieg gegen Rumänien war einer dieser Abende, die sich erst mit Verzögerung real anfühlen. In Heidelberg stand Deutschland nach 80 Minuten plötzlich da – nicht nur mit einem Ergebnis, sondern mit einem echten Statement.


Und trotzdem bleibt kaum Zeit, das alles auszukosten: Am 14. Februar um 13:00 Uhr geht es in Dessau direkt weiter – gegen Portugal, eines der formstärksten Teams im Rugby Europe Championship-Kosmos und längst eine Mannschaft mit internationalem Selbstverständnis. Auch bei Rugby-News war schnell klar: Wir wollen diesen wunderbaren Sieg gegen Rumänien noch einmal einordnen – vor allem aber den Blick nach vorn richten. Denn mit Portugal wartet direkt die nächste große Aufgabe, und genau dieser Spagat zwischen Emotion und Analyse macht das kommende Wochenende so spannend.


Dass Deutschland überhaupt mit dieser Art von Energie in diese Partie geht, spürt man in den

Stimmen aus dem Team. Co-Trainer Michael Poppmeier beschreibt das Gefühl nach dem

Rumänien-Spiel als „strange“ – weil man es so nicht erwartet habe. Die Botschaft in der Woche

sei klar gewesen: Fokus auf Performance, nicht auf Ergebnis. Und am Ende sei es genau diese

Leistung gewesen, die das Resultat möglich gemacht habe.


Auch Robin Plümpe spricht von einem Abend, der noch nachhallt: „Kann es immer noch nicht

glauben. Immer noch ein bisschen surreal.“ Und nach Abpfiff erst mal dieser ehrliche What-the-

fuck-Moment, bevor die Emotionen richtig kommen.


Plümpe: „Nicht eingebrochen –

die Jungs konnten nochmal

einen Zahn zulegen“


Plümpe macht dabei einen Punkt, der im Turniermodus Gold wert ist: Die Vorbereitung war – wie so oft – kurz. Aber diesmal habe die Mannschaft eine bessere Mischung gefunden: nicht zu viel, dafür mehr Klarheit. In den letzten Jahren habe man in der knappen Zeit oft versucht, zu viel umzusetzen, und sei dadurch eher „angeschlagen“ ins Spiel gegangen. Diesmal sei es anders gewesen: Intensität ja, aber mit Struktur – taktische Vorgaben klar, körperlich bereit. Das zeigte sich dann auch auf dem Feld: Deutschland brach in Hälfte zwei nicht ein, sondern konnte sogar zulegen. Und genau diese Stabilität wird jetzt wieder gefragt, denn der Turnierkalender bleibt brutal.


Nach dem Spiel erzählt Plümpe von diesem Blick von draußen: Er war am Ende nicht mehr auf

dem Feld, konnte „nicht mehr zuschauen“, saß mit den Händen im Gesicht – weil die Anspannung außerhalb der Linien manchmal noch größer ist als auf dem Platz. Dann Abpfiff: Emotionen raus, zu den Spielern, Familie umarmen. Durch die Verlegung nach Heidelberg waren bei ihm „locker zwölf bis fünfzehn Leute“ da – das machte den Abend nochmal besonderer.

Und dann kommt direkt die Realität zurück: Sonntagsspiel, Montag Arbeit, Kinder um 7:30 in den Kindergarten – er war um 9 schon zu Hause.


„Das schmälert das Erlebnis nicht“, sagt er. Früher

hätte er als „Wilder“ wahrscheinlich gedacht, jetzt müsse man komplett durchfeiern – diesmal war’s anders. Und: seine Blessur aus dem Rumänien Spiel ist unangenehm, aber nichts Ernstes

und sollte ihn nicht am Spielen hindern.


Portugal: 47 Punkte zum Start – und ein Team, das an sich glaubt


Portugal kommt nicht nach Dessau, um nur „mitzuspielen“. Der Auftakt war eine klare Ansage:

47:17 gegen Belgien, fünf Versuche, vier Erhöhungen, dazu vier Straftritte. Belgien kam zwar auch zu zwei Versuchen, aber Portugal hatte die Kontrolle über den Output – und sie nahmen

konsequent Punkte mit, wenn sie da waren. Keine Dropgoals, je zwei Gelbe Karten – insgesamt

ein Auftritt, der eher nach Struktur als nach Chaos aussah.


Wer Portugal in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß: Diese Mannschaft definiert sich stark über

Identität. In einem Rugby-Europe-Interview beschreiben Simão Bento und Diogo Hasse

Ferreira, was „Lobos“ ausmacht: Einheit, echtes Zusammenhalten, das Gefühl, das Trikot nicht

für sich selbst zu tragen, sondern für alle. Und dieser Ton ist nicht Marketing – der passt zu dem,

was Portugal auf dem Feld ausstrahlt: Selbstbewusstsein ohne Arroganz, Stolz ohne Pose.


Spätestens bei der WM 2023 hat Portugal zudem gezeigt, dass sie auch gegen große Namen nicht nur mitspielen wollen: ein Sieg gegen Fidschi, ein 18:18 gegen Georgien, dazu starke Spiele gegen Wales und Australien. Das sind Ergebnisse, die eine Mannschaft formen – weil du lernst, dass du dran sein kannst, wenn du deine Standards hältst, deine Chancen nutzt und mental nicht wackelst. Für 2027 haben sie sich wieder qualifiziert – und genau dieses Selbstverständnis bringen sie nun mit nach Dessau.


Für Deutschland heißt das Dessau wird ein Test auf allen Ebenen – Set Piece, Defensive-

Organisation, Kicking Game, und vor allem: wie gut Deutschland die eigene Performance wieder

auf den Platz bekommt, ohne sich vom Ergebnis treiben zu lassen.


„Wir dürfen keine One-Trick-Ponies sein“ –

Michael Poppmeier im Interview


Wie fühlst du dich nach diesem Sieg? Und was bedeutet es, zu Hause so einen

sensationellen Erfolg zu schaffen?


Michael Poppmeier: „Das Gefühl ist ehrlich gesagt ziemlich strange. Ich glaube nicht, dass wir das erwartet haben. Unser Fokus in der Woche lag auf der Performance, nicht auf dem Resultat – und die Performance hat uns am Ende das Resultat gebracht. Danach auf dem Feld war es so: What just happenedGemischte Emotionen, auch Tränen – Tränen der Freude. In der Kabine

saßen wir da, und immer wieder kam die Frage: Was ist da gerade passiert? Aber die Jungs haben

es verdient. Wir haben uns unser Glück in Teilen selbst erarbeitet, wir haben diese Momente

dann auch genutzt – und am Ende kam dieses Ergebnis dabei raus.“Vor 9–10 Jahren standest du als Kapitän beim letzten großen Überraschungssieg gegen

Rumänien selbst auf dem Feld

jetzt führst du als Coach eine neue Generation und ihr habt

Rumänien wieder geschlagen. Wie ist das für dich, und welche Rolle hat dir mehr gegeben:

Kapitän damals oder Coach heute?

Poppmeier: „Neun Jahre ago war es ein bisschen anders. Wir waren damals professioneller als

jetzt. Wir haben die ganze Woche vor dem Rumänien-Spiel trainiert, wir hatten fünf oder sechs

Coaches – jetzt sind wir drei. Spielen und gewinnen ist ein komplett anderes Gefühl als coachen.

Als Spieler war ich vor einem Spiel nervös, und nach der ersten Kontaktaktion sind die Nerven

weg. Als Coach bist du die ganze Zeit nervös – besonders in den letzten 15 Minuten, als sich der

Score nochmal gedreht hat, sie kurz geführt haben und dann Leo den letzten Versuch legt. Da

sind die Nerven durch die Decke. Aber dieses Ergebnis am Sonntag war ganz weit oben in meiner

Coaching-Laufbahn.“

Wenn du auf das Team von damals zurückblickst: Worin unterscheidet sich diese aktuelle

Mannschaft

und was macht diese Gruppe besonders?

Poppmeier: „Was diese Gruppe besonders macht, ist: Wir sind nicht professionell – und trotzdem

ist der Input der Jungs brutal stark. Über den Winter haben wir eine Fitness-Challenge gemacht

und das getrackt, große WhatsApp-Gruppe, Fotos, auch kulturelle Challenges. Die Jungs haben

da komplett mitgezogen. Und wenn du jetzt zurückblickst: keiner ist gekrampft, keiner ging mit

schweren Verletzungen runter. Die Jungs sahen nach dem Spiel noch ziemlich fit aus. Das ist

wichtig, weil es eine lange Competition ist: fünf Spiele auf internationalem Niveau in sechs

Wochen für ein nicht vollprofessionelles Team – das ist eine harte Aufgabe.“

Du wirst als Lead Analyst wahrgenommen: Wie würdest du deine Arbeit in einfachen Worten

beschreiben

und was ist dir dabei besonders wichtig in der Zusammenarbeit mit den

Jungs?

Poppmeier: „Viel Back-End-Arbeit. Sammy, Mark und ich verbringen viel Zeit in Calls –

Montagabends meistens fix, und dann sporadisch über die Woche. Selection, Gegner anschauen,

wo wir Schwächen finden können und was wir umsetzen wollen. Ein großer Teil meiner freien Zeit

geht dafür drauf. Ich hatte zuletzt auch einen Call mit den Forwards – Rumänien previewen und

gleichzeitig schon Portugal mitdenken. Und in der heutigen Zeit hilft die digitale Vorbereitung: die

Jungs sind auf dem Handy, Clips sind ein Weg, sie vorzubereiten. Weil wir bei so einem kurzen

Turnaround kaum Feldzeit haben: Donnerstagabend zusammenkommen, Freitag trainieren,

Samstag spielen – da musst du es simpel halten.“

Blick nach vorn: Am Wochenende wartet Portugal in Dessau. Was ist dir bei ihnen bislang

aufgefallen, wo liegt euer Fokus für das Spiel

und steht euch der komplette Kader zur

Verfügung?

Poppmeier: „Unsere Message diese Woche ist: Wir dürfen keine One-Trick-Ponies sein. Wir

müssen die Performance gegen Rumänien mit einer weiteren guten Performance bestätigen.

Fokus bleibt auf unserer Leistung, nicht auf dem Ergebnis. Portugal ist ein top, top-class Team –

wir schauen, was wir am Wochenende in Dessau auf den Platz bringen können. Was ich konkretbei Portugal gesehen habe, teile ich noch nicht. Das kann ich dir nach dem Spiel gern erzählen.

Und klar: Sechs Tage Turnaround ist nicht optimal, aber es ist, wie es ist – wir müssen damit

umgehen.“

Und zum Schluss: Wie hast du die Unterstützung in Heidelberg erlebt

und welche

Botschaft möchtest du der deutschen Rugby-Community mitgeben?

Poppmeier: „Der Support in Heidelberg war richtig, richtig cool. Und ehrlich: gegen die Schweiz

letztes Jahr in Heidelberg haben wir nicht gut performt – da haben wir uns und die Supporter

enttäuscht. Dass wir jetzt so gegen Rumänien gespielt haben, kann hoffentlich ein Schritt sein, um

wieder mehr Leute mitzunehmen – und hoffentlich spielen wir bald wieder in Heidelberg, damit

noch mehr Support kommt.

Und was die Umstände angeht: die kurzfristige Verlegung von Kassel nach Heidelberg haben wir

nicht groß bewertet – wo wir spielen, wir passen uns an und nehmen den Gegner an.

Und in Dessau: Wir haben gesehen, wie viel Community-Arbeit da drinsteckt – Schnee schippen

und mehr. Das bleibt nicht unbemerkt, dafür sind wir sehr dankbar. Wir schulden Dessau und den

deutschen Rugby-Fans, dass wir wieder eine gute Performance zeigen. Ich sage nicht, dass wir

rausgehen und gewinnen – aber wir müssen rausgehen und versuchen, Dinge richtig zu machen.

Und an alle Supporter: Ich hoffe, dass Sonntag genug war, um sie mitzunehmen. Wir brauchen

den Support unabhängig vom Ergebnis – aber für die Performance. Wenn wir den weiter

bekommen: wer weiß, was möglich ist. Ich bin einfach froh, ein Teil davon zu sein.“

Ausblick: Ein Brett

aber genau deshalb spannend

Deutschland geht mit Rückenwind rein. Für die Gastgeber wird entscheidend sein, ob sie die

Dinge, die gegen Rumänien funktioniert haben, wiederholbar machen: klare Struktur, gute

Entscheidungsfindung, keine Panikphasen – und der Mut, Chancen zu nehmen, wenn sie da sind.

Portugal dagegen bringt genau das mit, was in solchen Spielen oft den Unterschied macht:

Punktemaschine plus Spieltempo.

Und trotzdem: Poppmeiers Leitlinie passt als Motto über die ganze Woche: Performance first.

Wenn Deutschland es schafft, die eigene Leistung zu bestätigen, dann wird Dessau nicht nur ein

weiteres Länderspiel – sondern ein weiterer Schritt in einem Turnier, das plötzlich richtig spannend

ist.

Kickoff: 14.02., 13:00 Uhr, Dessau.

Ein echtes Brett. Und genau deshalb lohnt es sich. Wir von RugbyNews glauben an unsere Jungs

und wünschen Ihnen viel Erfolg. Lasst uns die Mannschaft alle zusammen am Samstag

unterstützen - sie haben es verdient!

 
 
 

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