Die Eichen im Umbaumodus
- Rugby-News Team
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Rumäniens Stejarii vor dem REC-Start: französischer Bauplan, datengesteuerte Härte – und ein Kader zwischen Heimatkern und Frankreich-Legion

Der Spielort ist in letzter Minute gewechselt – aus Wettergründen weg von Kassel, hin nach Heidelberg. Statt Auestadion also Fritz-Grunebaum-Sportpark. Für Rumänien ist das weniger ein logistisches Ärgernis als eine Fußnote: Die Stejarii kommen nicht, um sich an Kulissen zu gewöhnen. Sie kommen, um ihre neue Ordnung durchzudrücken. Denn dieses Auftaktspiel ist für sie nicht einfach „Runde eins“ einer Rugby Europe Championship. Es ist die erste öffentliche Standortbestimmung im zweiten vollen Jahr einer technischen Rekonstruktion, die Rumänien unter dem französischen Cheftrainer David Gérard begonnen hat – kompromisslos in Richtung Professionalisierung, geprägt von Integration von Auslands-Know-how und einer Vorbereitung, die sich demonstrativ an den Standards der Top 14 / Pro D2 orientiert.
Die Ausgangslage, die den Druck definiert, ist klar benannt: Platz drei 2025, dazu das Ticket für die WM 2027 in Australien. Der rumänische Verband hat für 2026 das Narrativ gesetzt: weg vom Status „Konkurrent“ in Europas zweiter Reihe – hin zum Anspruch „Eroberer“. Das klingt groß. Und es zwingt die Stejarii dazu, aus der Tradition der Wucht ein System zu formen, das auch unter Stress stabil bleibt.
Der französische Kern: Gérards „No-Tourist“-Prinzip als Kulturtest
Gérard ist nicht als Verwalter gekommen. Der Mann, ehemaliger französischer Nationalspieler (Zweite Reihe) und zweifacher Heineken-Cup-Sieger mit Stade Toulousain, bringt eine Sieger-Biografie mit, die Rumänien in früheren Zyklen spürbar gefehlt hat. Sein Leitmotiv ist zugleich simpel und brutal: „No Tourist.“ Wer im Kader steht, steht nicht zum Anschauen da. Jeder muss bereit sein, sich für das Kollektiv zu opfern – und zwar nicht als Phrase, sondern als Auswahlkriterium.
Diese Kulturübersetzung ins Tagesgeschäft passiert über einen Trainerstab, der in dieser Konstellation fast wie ein High-Performance-Projekt wirkt: Spezialisten für Sturm, Kontakt, Line-Speed, Skills, Athletik – und dazu ein datengetriebenes Monitoring, das den Unterschied zwischen „fit“ und „spielbereit“ neu definiert.
Ein Stab wie ein Werkzeugkasten: Rollen, Zuständigkeiten, Konsequenz
Gérard hat die historische Schwachstellen-Liste des rumänischen Rugbys sehr konkret adressiert: defensive Aussetzer, mangelnde Kreativität in der Hintermannschaft, inkonstante Athletik. Daraus wurde ein Trainer-Setup, das nicht „alles ein bisschen“ machen will, sondern Zuständigkeiten scharf schneidet:
David Gérard (Cheftrainer): Kultur, Disziplin, High-Performance-Standards.
Raphaël Saint-André (Backs/Angriff): expansives französisches Spiel, Modernisierung der Hintermannschaft.
Omar Mouneimne (Verteidigung/Kontakt): Dominanz in der Kollision, organisierte Line-Speed-Verteidigung – er gilt als der Mann, der eine bei der WM 2023 zur Fragmentierung neigende Defensive „zusammengezogen“ hat.
Juan Pablo Orlandi (Sturm): ehemaliger Pumas-Pfeiler; Elite-Know-how für Gedränge und Maul – und damit für Rumäniens traditionell schärfste Waffe.
Benjamin Lapeyre (Skills): individuelle Technik unter Druck.
Michael Dallery (Physical Preparation): Athletik und die aeroben Anforderungen, die sich an Tier-1-Rugby orientieren sollen.
Paul Cere (GPS/Daten): Belastung, Output, Ermüdung – messbar gemacht.
Daniel Carpo (GPS/Leistung): Schnittstelle zwischen Sportwissenschaft und Drills.
Das ist kein kosmetischer Umbau. Das ist ein Programm: Rumänien will den Sprung schaffen, bei dem nicht mehr „Herz und Härte“ die Rettung sind, sondern Standards.
Das „Labor“ in Paris: INSEP als Trainingshub
Symbolisch wird das in der Vorbereitung über den Trainingshub: INSEP in Paris – das Institut, das im französischen Sport als Hochleistungs-Labor gilt. Dieses Modell ist für Rumänien doppelt bedeutsam: Es bringt die im Ausland geprägten Spieler in ein Umfeld, das sie kennen – und es setzt die heimischen Liga-Spieler Protokollen aus, die zuvor in der rumänischen Struktur kaum zugänglich waren: Regeneration, intensitätsgesteuerte Belastung, klare Abläufe. Das ist weniger Romantik, mehr Betriebssystem.
Der Kader: 34 Namen, 19 Stürmer, 15 Backs – und eine geteilte Identität
Für das Auftaktspiel wurde ein 34-Mann-Kader nominiert – 19 Stürmer, 15 Hintermannschaftsspieler. Schon dieses Verhältnis verrät, worüber Rumänien traditionell kommt: über ein Paket, das Territorium und Tempo diktiert. Neu ist aber, wie der Kader gebaut ist: zunehmend „gespalten“ – ein heimischer Kern (Timișoara, Steaua, Dinamo, Rapid, Baia Mare) plus eine Frankreich-Fraktion (u. a. Castres, Béziers, Mont de Marsan, Dax, Narbonne, Massy, Albi, Aurillac, Nissa Rugby).
Ein Detail sticht heraus: SCM USV Timișoara – aktueller Vizemeister – stellt acht Spieler. Das ist ein Fingerzeig auf Entwicklungsqualität außerhalb der Bukarester Blase. Gleichzeitig bringt Frankreich-Erfahrung jene taktische Reife hinein, die Rumänien in engen REC-Spielen oft fehlte.
Die Lücke im Kopf: Simionescu, Rupanu, Tomane fehlen
Der Preis der neuen Phase ist eine nüchterne Realität: eine Verletzungskrise nimmt Rumänien mehrere Führungsspieler. Marius Simionescu, Gabriel Rupanu und Jason Tomane fehlen – und das ist nicht nur „Qualität“, sondern Rugby-IQ und Leadership. Simionescu und Rupanu waren über Jahre taktisches Herzstück. Ihre Nichtverfügbarkeit zwingt Gérard, jüngere Halbspieler und Außendreiviertel schneller zu „hochzuziehen“ – jetzt, zum Turnierstart.
Sturm: Rumäniens klassische Währung – neu sortiert, aber unverkennbar
Erste Reihe: Erfahrung, Tiefe, und ein Gedränge als Druckmaschine
Rumänien kommt mit Props, die entweder viel Länderspiel-Gewicht oder französische Scrummaging-Schule mitbringen:
Alexandru Savin (Rapid, 42 Caps): Senior-Loosehead, Leader-Profil.
Iulian Hartig (Dinamo, 24 Caps): variabel, hohe Workrate.
Cosmin Manole (Dinamo): sehr beweglich für einen Prop, Schlüsselspieler im Sieg 2025.
Gheorghe Gajion (Mont de Marsan): „The Beast“, Elite-Scrummager aus der Pro D2.
Thomas Crețu (Dax): aufstrebendes Tighthead-Talent im französischen System.
Tudor Butnariu (Timișoara, 15 Caps): wichtig fürs Gassen-Fundament.
Ștefan Buruiană (Albi): präziser Einwerfer, mobil im offenen Spiel.
Lukas Mitu (Castres): hoch gehandeltes Academy-Talent.
Joji Sikote (Dinamo): Power hoch 2.
Mit Orlandi als Sturmarchitekt ist das Gedränge ausdrücklich nicht als neutraler Neustart gedacht, sondern als Waffe: Strafen ziehen, Rhythmus brechen, den Gegner zu Entscheidungen zwingen.
Zweite Reihe: Luftarbeit, Steals, Struktur
Marius Antonescu (Narbonne): „Turm“ für Lineout-Steals.
Adrian Moțoc (Nissa Rugby, 34 Caps): Elite-Athlet, Lineout-Leader.
Andrei Mahu (Massy): Veteran des französischen Pro-Rugbys.
Dazu kommen Matthew Tweddle (Steaua) als verlässliche Heim-Option und Nicolaas Immelman (Baia Mare) als eingebürgerter Südafrikaner mit Härteprofil.
Dritte Reihe: Breakdown-Kante und defensive Arbeitsrate
Dragoș Ser (Timișoara): dynamisch, wichtig fürs Ballstehlen.
Vlad Neculau (Timișoara, 24 Caps): Workrate, defensiver Leader.
Kemal Altinok (Timișoara): variabel, physische Kante.
Cristi Boboc (Steaua, 17 Caps): Ex-Kapitän, elite am Breakdown.
Eduard Cioroabă (Dinamo): aufstrebendes Talent.
Das ist ein Paket, das seine Identität nicht versteckt: Kontakt gewinnen, Rucks kontrollieren, den Gegner in eine Ordnung pressen.
Hintermannschaft: mehr Optionen, aber auch mehr Risiko
Halbspieler: Conaches rechter Fuß als taktisches Fundament
Im Zentrum steht Alin Conache (Steaua, 21 Caps) – primärer Goal-Kicker und taktischer Kopf. Um ihn herum wird’s spannender, weil Erfahrung fehlt und Potenzial schnell wachsen muss:
Toma Mîrzac (Baia Mare): schneller Ball am Ruck, noch ohne Länderspiel.
Daniel Jipa (Rapid): junger Verbinder
Ștefan Cojocariu (Rapid): Utility Back mit solidem Kickspiel.
Hinckley Vaovasa: X-Factor-Profil, kreativer Spielmacher.
Gerade hier wird sichtbar, was die Verletzungen bedeuten: Rumänien hat mehr Werkzeuge, aber die Handhabung muss im Wettkampf sofort stimmen.
Mittelfeld: Gontineac als Gainline-Schlüssel – plus neue Körperlichkeit
Taylor Gontineac (Béziers): Star-Center, zentral für Gainline-Dominanz.
Fonovai Tangimana (Dinamo, 32 Caps): eingebürgerter Power-Runner.
Alexandru Bucur (Timișoara, 18 Caps): defensiver Spezialist.
Antonio Mitrea (Aurillac): 19-jähriges Talent
Dylan Schwartz (Dinamo): neu spielberechtigter Südafrikaner, 1,93 m/100 kg – Profil für direkten Angriff.
Back Three: Abschluss und Absicherung
Tevita Manumua (Timișoara): explosiver Finisher, eingebürgert.
Tiqe Iliesa (Timișoara): high-speed, „klinisch“ im Raum.
Taliauli Sikuea (Baia Mare): Power-Winger, carrying-stark.
Paul Popoaia (Baia Mare): verlässlicher Fullback, zweiter Kicker.
Dazu Toni Maftei als junges Flügel-Talent und Ovidiu Neagu (Timișoara, 5 Caps) mit hoher Workrate.
Unterm Strich: Saint-Andrés Auftrag („modernisieren“) hat hier konkrete Spielertypen – Tempo, Carrying, klar definierte Rollen.
Einbürgerung als Kulturpolitik: die „neue“ Eichen-Identität
Rumänien entwickelt seine Einbürgerungspraxis unter Gérard gezielt weiter: Spieler, die mindestens fünf Jahre in der heimischen Liga waren, gelten nicht als Lückenfüller, sondern als Träger einer professionellen Rugby-Kultur.
Im Fokus 2026 stehen Dylan Schwartz und Etienne Terblanche (Dinamo) als neue Namen. Schwartz’ Profil ist bewusst gewählt: direkte Dominanz, weniger Umwege. Seine Integration gilt als vorbereitet – er lief 2024 bereits für die Romanian Wolves auf. Terblanche wird als variabler Dritte-Reihe-Spieler mit hohem Rugby-IQ beschrieben, geprägt von dem südafrikanischen Schulsystem.
Und dann ist da Jason Tomane – verletzt, aber 2025 als bester Spieler ausgezeichnet. Er sprach von einem „massiven Kulturschock“ bei seiner Ankunft – und gleichzeitig davon, welche „Ehre und welcher Segen“ es sei, Rumänien zu vertreten. Dieser Stolz wird im Umfeld ausdrücklich geteilt: Conache und Savin beschreiben den Stejarii als „zentralen Teil der rumänischen Erfolgsgeschichte“. Das ist die Identitätsarbeit hinter den Kaderlisten.
Die Blaupause: 48:10 im Januar 2025 – und warum Gérard diesmal frühe Kontrolle will
Das letzte direkte Duell am 31. Januar 2025 endete mit 48:10 für Rumänien im Arcul de Triumf. Die Geschichte dieses Spiels ist für Gérard lehrreicher als das Ergebnis: zur Pause stand es 13:10 – also kein Spaziergang. Erst in Hälfte zwei kippte es vollständig, als der Druck des rumänischen Pakets die Defensive des Gegners aufriss.
Die Zahlen sind brutal eindeutig: 723 Meter gegen 128, 6 Versuche zu 1, dazu Conache mit 5/6 Erhöhungen und sicherem Scoreboard-Druck. Versuche unter anderem durch Gontineac und Simionescu entstanden aus anhaltendem Phasen-Druck und klinischem Abschluss.
Genau dieses „Katz-und-Maus“-Muster will Gérard diesmal vermeiden. Sein Ziel ist frühe Dominanz auf der Anzeigetafel: Conaches Kickspiel von Beginn an, Tempo und Territorium kontrollieren, gar nicht erst zulassen, dass ein Spiel 40 Minuten lang „in Reichweite“ bleibt.
Neue Regel, alter Stil: die 20-Minuten-Rotkarte als Sicherheitsnetz
Die REC 2026 führt die 20-Minuten-Rotkarte ein: Nach Rot darf nach 20 Minuten ersetzt werden. Für ein Team, das historisch sehr physisch, konfrontativ und manchmal „am Rand der Legalität“ spielt, ist das mehr als eine Regelnotiz. Es ist ein Sicherheitsnetz. In früheren Zyklen konnte eine einzige Rote Karte (gerade in der ersten Reihe) den Matchplan zerlegen. Jetzt bleibt die numerische Unterzahl nicht zwingend über 80 Minuten bestehen – was ein aggressives System wie Mouneimnes Line-Speed-Verteidigung potenziell noch furchtloser macht.
Ambitionen 2026/27: von Platz 20 auf 18 – und Australien im Blick
Rumäniens Projekt ist offen formuliert: Gérard will bis Jahresende von Weltranglistenplatz 20 auf 18 klettern. Das ist nicht Eitelkeit, sondern Infrastrukturpolitik: bessere Setzlistenpositionen, mehr Strahlkraft, mehr Zug für das Programm.
Und im Hintergrund steht die WM 2027, bereits konkret: Rumänien wurde in Pool B gelost – mit Südafrika, Italien und Georgien. Gérard reagierte darauf mit trotzigem Realismus: Wenn man sich darauf vorbereite, gegen Südafrika zu spielen, als wäre es ein Traum, werde es ein Albtraum – man müsse aufhören, das „Dagegen-Spielen“ als Leistung an sich zu betrachten. Genau dafür soll die REC 2026 die Mannschaft formen: nicht „happy to be there“, sondern bereit, 80 Minuten zu opfern, um konkurrenzfähig zu sein.
Das Iași-Signal: raus aus der Bukarester Blase
Ein weiterer Baustein dieser Kampagne ist organisatorisch, aber nicht nebensächlich: Das Spiel gegen Belgien wird nach Iași verlegt – das erste REC-Match dort seit zehn Jahren. Der Verband reagiert damit auf leidenschaftliche Unterstützung in den Provinzen, vor allem in Regionen, die auch den Kader tragen – Timișoara und Baia Mare sind im aktuellen Aufgebot prominent. Ziel: Fanbasis verbreitern, Nachwuchs inspirieren, die Nationalmannschaft als landesweites Projekt inszenieren.
Heidelberg als erster Prüfstand
So steht Rumänien vor dem Auftakt: ein Team, das seine Tradition nicht verleugnet – aber sie unter neue Kontrolle stellt. Ein Sturm, der wieder bewusst als Waffe gedacht ist. Eine Hintermannschaft, die modernisiert werden soll. Eine Kaderstruktur, die Rumänien heute als Mischung aus Heimatkern und Frankreich-Schule zeigt. Und ein Trainerstab, der nicht „gute Stimmung“ verkauft, sondern Standards.
Für Gérard ist die Messlatte intern klar: Alles unter einem überzeugenden Sieg mit Bonuspunkt wäre ein Bruch im eigenen Anspruch, aus „Konkurrenten“ „Eroberer“ zu machen. Der Ort hat sich geändert – Kassel ist Heidelberg geworden. Der Auftrag nicht.





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