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Ein Verband auf Verschleiß

  • Rugby-News Team
  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen


Was der Deutsche Rugby-Tag über den Zustand von Rugby Deutschland zeigt

Berlin, 17. Januar 2026. Der Deutsche Rugby-Tag findet in der Sportschule am Priesterweg statt, einem jener funktionalen Orte, an denen sich Sportverbände regelmäßig treffen, um Ordnung in ihre Angelegenheiten zu bringen. Auch diesmal stehen Wahlen, Berichte und Anträge auf der Tagesordnung. Und doch wird schon nach den ersten Wortmeldungen klar, dass dieser Rugby-Tag ein anderer ist. Es geht weniger um das, was beschlossen werden soll, als um das, was überhaupt noch leistbar ist.



Rugby-News.de war vor Ort. Schnell zeigt sich: Die Probleme von Rugby Deutschland lassen sich nicht mehr einzelnen Bereichen zuordnen. Organisation, Ehrenamt, Leistungssport und Finanzen greifen ineinander – und geraten gemeinsam unter Druck.


Fehlende Kapazitäten als Grundproblem

Der zentrale Begriff dieses Tages lautet nicht Reform, nicht Krise, sondern Kapazität. Mehrfach geht es um die Frage, wer Aufgaben übernimmt – und wer sie künftig noch übernehmen kann. Florian Hartmann kündigt an, sein Vorstandsamt spätestens im März niederzulegen. Gleichzeitig bleibt er der Deutschen Rugby Marketing GmbH so lange erhalten, bis eine Nachfolge geregelt ist. Das wird weniger als Übergang im klassischen Sinn verstanden, sondern als Versuch, operative Stabilität zu sichern, wo sie noch vorhanden ist.


Besonders deutlich wird die personelle Lage im Jugendbereich. Dort habe es in den vergangenen Monaten zahlreiche Abgänge in der Mitarbeit gegeben. Vizepräsident Jugend Matthias Bechtel formuliert den Appell klar: Ohne zusätzliche aktive Mitarbeit werde es Einschnitte geben müssen. Gemeint sind keine theoretischen Kürzungen, sondern ganz konkrete Auswirkungen auf Betreuung, Entwicklung und Vereinsunterstützung.


Führungslücken im Leistungssport

Diese strukturelle Überlastung setzt sich im Leistungssport fort. Für das 15er-Rugby gibt es derzeit keinen Sportvorstand. Gleichzeitig haben mehrere zentrale Akteure den Verband verlassen, darunter Colin Grzanna, Clemens von Grumbkow und Steffen Große. Die Abgänge stehen für einen Verlust an Expertise und Kontinuität, der kurzfristig kaum zu kompensieren ist.


Auch das erklärt zahlreiche unbesetzte Schlüsselpositionen: Vizepräsident Finanzen, Vorstand Finanzen, Sportdirektor Siebener-Rugby, Stützpunktleiter Siebener-Rugby, Funktionstrainer Wissenschaft. Auch auf administrativer Ebene zeigen sich Brüche. Der Steuerberater wechselte zum 1. Januar 2026, der Jahresbericht 2024 lag nicht rechtzeitig vor und im Sommer 2025 ging eine Mitarbeiterbeschwerde beim Good-Governance-Beauftragten ein.


Juristische Altlasten und ihre Folgen

Die organisatorische Fehlaufstellung hat finanzielle Konsequenzen. Der arbeitsrechtliche Konflikt um Steffen Große ist weiterhin anhängig, ein Gerichtstermin steht Ende Januar an. Der Fall gilt als komplex, die Folgen sind noch nicht absehbar.


Konkret spürbar wird die Situation im Fall Manuel Wilhelm. Ausstehende Überstunden führen im Frühjahr zu Nachzahlungen im mittleren fünfstelligen Bereich. In einem Haushalt ohne nennenswerte Rücklagen ist das eine erhebliche Belastung.


Ein Haushalt ohne Puffer

Der vorläufige Jahresabschluss 2024 weist einen Verlust von rund 150.000 Euro aus. Zwar konnte dieser über Liquidität ausgeglichen werden, doch die Rücklagen schrumpften deutlich von 229.000 Euro Ende 2023 auf rund 65.000 Euro Ende 2024. Hinzu kommen Rechtskosten von 65.000 Euro im Jahr 2024 sowie weitere 91.000 Euro an Beratungskosten für 2025.


Auffällig ist der starke Rückgang der Spendeneinnahmen. Während 2023 noch rund 145.000 Euro verbucht wurden, waren es 2024 nur noch etwa 15.000 Euro. Der Unterschied ist klar benennbar: Die rund 150.000 Euro jährliche Unterstützung von Jürgen Zeiger, die 2023 noch geflossen war, entfiel 2024, nach seinem Tod, vollständig.


Demgegenüber steht die Deutsche Rugby Marketing GmbH, die 2024 einen deutlichen Gewinn erzielte. Wesentliche Treiber waren unter anderem das SVNS-Turnier in München. Die unterschiedliche Entwicklung von Verband und Tochtergesellschaft wird auf dem Rugby-Tag weniger moralisch als strukturell diskutiert – als Frage der Aufgabenteilung und Risikoverteilung.


Der steuerliche Komplex

Besonders sensibel bleibt der steuerrechtliche Komplex rund um die Oktoberfest-7s. Im Mittelpunkt steht eine Zuwendung in Höhe von 220.000 Euro von Matthias Entenmann. Strafrechtlich sind die Verfahren eingestellt. Steuerlich jedoch ist der Vorgang nicht abgeschlossen.


Im Frühjahr 2024 kam es zu einer Bußgeldandrohung, ein Verfahren beim Finanzamt für Fahndung und Strafsachen wurde eröffnet, aber nicht abgeschlossen. In der Folge wurde eine erweiterte Betriebsprüfung eingeleitet. Nach der regulären Prüfung der Jahre 2017 und 2018 wurde der Zeitraum auf 2019 und 2020 ausgedehnt. Der Prüfungsbericht ging um Weihnachten 2025 ein, Einsprüche sind angekündigt.


Das Finanzamt vertritt die Auffassung, dass die Zuwendung steuerlich nicht als Spende im Sinne des Gemeinnützigkeitsrechts zu bewerten sei. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dass Rugby Deutschland für die Jahre 2019 und 2020 die Gemeinnützigkeit verliert. Der Verband prüft vor diesem Hintergrund mögliche Schadensersatzansprüche gegen früher Verantwortliche.


Siebener-Rugby unter Druck

Sportlich bleibt das Siebener-Programm das Aushängeschild des Verbands, organisatorisch jedoch ein Belastungspunkt. Die Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt gilt als angespannt. Im November wurden einzelne Leistungen zeitweise unterbrochen, darunter physiotherapeutische Betreuung. Hintergrund waren Differenzen bei Belastungssteuerung, medizinischer Abstimmung und Laufbahnberatung. rugby-news.de liegt ein Brief von Eltern vor, die ihre Sorge über mangelnde Planungssicherheit und Unterstützung äußern.


Hinzu kommen die Auswirkungen der Sporthilfe-Reform. Fördermittel wurden gekürzt, Plätze reduziert. Rugby erhält inzwischen mehr Kaderplätze über den DOSB als über die Sporthilfe und in Summe nur noch 26 und keine 40 mehr. Ein Wandel, der neue Abhängigkeiten schafft und zusätzlichen Koordinationsaufwand erfordert.


Reformdebatte ohne Illusionen

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Strukturdebatte des Tages an Gewicht. Unter dem Leitmotiv „Rugby Deutschland neu denken“ werden bekannte Defizite benannt: unklare Hierarchien, fehlende Prozesse, ein überlastetes Ehrenamt und starke Abhängigkeiten. Diskutiert werden Modelle eines geschäftsführenden Präsidiums, eine Verschlankung der Verbandsstrukturen sowie die Ausgliederung einzelner Bereiche. Der Antrag zur Ausgliederung der Rugby-Bundesliga wird jedoch zurückgezogen – ein Zeichen dafür, wie sensibel dieser Umbau ist.


Wahlen mit klaren Signalen

Am Ende stehen formale Entscheidungen. Michael Seidler wird mit großer Mehrheit im Amt bestätigt: 926 Ja-Stimmen, 21 Nein-Stimmen, eine Enthaltung. Zugleich erklärt er, nicht erneut kandidieren zu wollen, und bleibt bis spätestens 30. April 2026 im Amt, um den Übergang zu sichern.


Ein Vizepräsident Finanzen kann nicht gewählt werden, da sich kein Kandidat findet. Jürgen Schlicksupp wird als Vizepräsident Leistungssport bestätigt, Sophie Hacker als Athletenvertreterin, Dr. Ulrich Töldtmann als Good-Governance-Beauftragter. Mehrere Anträge zur Spielordnung – darunter zu Franchise-Teams und Regionalauswahlen – werden abgelehnt. Beschlossen wird die Verlegung des Verbandssitzes nach Heidelberg.


Ein nüchternes Fazit

Der Deutsche Rugby-Tag 2026 hat keine schnellen Lösungen geliefert. Aber er hat Klarheit geschaffen. Die Probleme von Rugby Deutschland sind benannt, ihre Zusammenhänge offengelegt. Der Verband steht vor einer Phase, in der nicht mehr die Einsicht entscheidend ist, sondern die Umsetzung. An dieser, könnten und sollten wir uns alle beteiligen!

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