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Überraschung im Testmodus – Deutschland gewinnt in Gloucester

  • Rugby-News Team
  • 7. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Manchmal erzählen Rugbyspiele mehr als nur ein Ergebnis.Das 29:24 der deutschen Nationalmannschaft gegen die UK Armed Forces im ehrwürdigen Kingsholm Stadium von Gloucester war ein solcher Abend – nicht, weil die Anzeigetafel am Ende den zweiten Sieg in Folge gegen die Briten zeigte, sondern weil er etwas von der Entwicklung dieser Mannschaft offenbarte. Von ihrem Versuch, inmitten aller strukturellen Grenzen zu wachsen.



Bundestrainer Mark Kuhlmann hatte im Podcast XV Friends noch nüchtern formuliert, worum es ihm eigentlich ging: „Der Fokus dieser Maßnahme liegt darauf, die Spieler, die in England und Irland sind, zu testen.“ Ein sachlicher Satz, fast unscheinbar. Doch im Kern beschreibt er, was diese Mannschaft derzeit ist: ein Projekt zwischen Idealismus und Improvisation. „Wir sind halt eine Amateur-Nation“, hatte Kuhlmann gesagt – und genauso fühlte sich dieser Abend an. Mit Ecken, Kanten, Leidenschaft und der stillen Freude darüber, dass es am Ende trotzdem reicht.


Ein Abend mit Geduld, Kampf – und Charakter

Vielleicht war es symbolisch, dass der Abend für die Deutschen mit einem Fehler begann. Nach nur drei Minuten segelte ein präziser 50:22-Kick der Briten in die deutsche Hälfte, und wenige Phasen später lag der Ball im Malfeld: Vereimi Qorowale, schnell, wuchtig, gnadenlos effizient. Es war ein früher Dämpfer, der Erinnerungen an die wackelige REC-Saison weckte.


Doch diesmal fiel die Reaktion anders aus.Shawn Ingle, einer jener in England beheimateten Spieler, die Kuhlmann gezielt testet, setzte das erste deutsche Ausrufezeichen. Eine kurze Gasse, ein geplanter Laufweg, ein kraftvoller Durchbruch – Versuch nach 14 Minuten. Der Auftakt in ein Spiel, das von da an zu einer Prüfung der Geduld wurde.


Die Briten wirkten abgezockter, sie nutzten ihre Chancen konsequent. Noch einmal war Qorowale nicht zu stoppen (27.), und als es zur Pause 14:5 stand, hätte man glauben können, das Spiel kippe. Doch wer Kuhlmanns Mannschaft in den vergangenen Monaten verfolgt hat, weiß: Sie spielt selten fehlerfrei, aber fast immer mit Haltung.


Ein Team wächst – mitten im Test

Der zweite Durchgang gehörte den Deutschen – nicht, weil sie plötzlich brillierten, sondern weil sie endlich ein Spiel kontrollierten, das sie sonst hergegeben hätten.Ingle legte erneut ab (52.), Leo Wolf verwandelte sicher – der Anschluss, dann die Führung. Mit jedem Angriff, jedem Ruck wuchs das Selbstvertrauen. Oliver Stein drückte kurz darauf den Ball über die Linie, und als Kapitän Justin Renc(71.) durch eine Lücke brach, schien das Spiel entschieden.


Die letzten Minuten wurden noch einmal chaotisch: ein Strafversuch für UKAF, ein Straftritt in der Nachspielzeit. Doch das letzte Bild gehörte erneut Stein, der am Ruck den Ball eroberte. Abpfiff. Jubel. Kein Triumphgeschrei, eher ein erleichtertes Lächeln.


Es war, wie Kuhlmann später auf der Verbandswebseite von Rugby Deutschland sagte, „eine gute Leistung zum jetzigen Zeitpunkt“. Und tatsächlich: Das, was man sehen konnte – eine solide Gasse, ein standfestes Gedränge, griffige Verteidigung – war mehr, als man nach so kurzer gemeinsamer Zeit erwarten durfte.


Ein Sieg gegen die Realität

Der Abend von Gloucester erzählte aber auch von den Grenzen.Diese Mannschaft ist kein Profiteam, sie trainiert in Blöcken, sie reist, wann Beruf und Studium es erlauben. Dass sie sich gegen eine militärisch disziplinierte Auswahl durchsetzen konnte, war daher mehr als nur ein sportliches Ergebnis. Es war ein kleiner Sieg gegen die Realität, in der Rugby hierzulande oft stattfindet: mit viel Engagement, aber wenig Struktur.

Kuhlmann, der Pragmatiker, weiß das besser als jeder andere. Nach dem Szenarienlehrgang in Prag war Gloucester die nächste Etappe – ein Versuch, Spieler zu testen, Rollen zu schärfen, Vertrauen zu schaffen. Ingle, Wolf, Stein, Renc – sie alle gaben dem Spiel Halt. Doch ebenso sichtbar waren die Schwächen: das zögerliche Verschieben auf den Außenbahnen und der Mangel an Tempo, wenn der Ball breit gespielt wurde.


Zu wenig November – zu wenig Zeit

Vielleicht ist das Bittere an diesem Herbst, dass es nur dieses eine Testspiel geben wird. Nach Wochen des Aufbaus hätte Rugby Deutschland mehr Gelegenheiten gebraucht, um Abläufe zu festigen, Automatismen zu testen, Fehler zu provozieren.


Stattdessen bleibt Gloucester ein einziger Moment, ein Probelauf mit Symbolkraft. Denn im Februar 2026 beginnt die Rugby Europe Championship, mit Rumänien, Portugal und Belgien warten Gegner, die jede deutsche Schwäche bestrafen werden.


Am 8. Februar in Kassel eröffnet Deutschland gegen Rumänien die Kampagne, eine Woche später folgt das Heimspiel in Dessau, dann der Ausflug nach Mons.


In Gloucester wurden viele Spieler getestet, die auf der Insel aktiv sind – wen wir im Februar wiedersehen, wird sich zeigen. Denn im kommenden Frühjahr werden auch weitere deutsche Akteure wieder in den Fokus rücken, etwa Hassan Rayan vom SC Frankfurt, einer jener Spieler, die in der Bundesliga gewachsen sind und echte Garanten für das deutsche Spiel sind.


Die Gegner werden stärker, die Zeit bleibt knapp – aber dieser Abend hat gezeigt: Wenn Deutschland testen darf, wird es besser und gewinnt sogar!


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